Der Schatz am Ende des Regenbogens

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Gay Pride lässt die Gemüter wieder hochkochen. Homosexualität ist ein Thema, dem bis heute nicht nur Akzeptanz entgegengebracht wird. Zwar erkennt Deutschland endlich die Ehe für alle an, doch es gibt nach wie vor kritische Stimmen. Woher kommt die tief in der Gesellschaft verwurzelte Abscheu vor gleichgeschlechtlicher Liebe?

Ist Homosexualität unnatürlich?

Das Argument der frommen Sittenwächter ist die angebliche Unnatürlichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Unnatürlich bedeutet „wider die Natur“ – und das ist Homosexualität ganz sicher nicht.

Bei über 1500 Tierarten haben Forscher bereits gleichgeschlechtliches Paarungsverhalten dokumentiert. Es gab und gibt sogar homosexuelle Tierpaare, die einander Jahre lang die Treue halten und zusammen Nachwuchs aufziehen. Storchenmännchen, die gemeinsam verwaiste Eier ausbrüten; Pinguine, die sich elternlosen Küken annehmen; gleichgeschlechtliche Vogelpaare, die gemeinsam Nester bauen…

Bei Schwänen, Fischen, Seelöwen, Giraffen, Flamingos, Löwen, Maisen, Elefanten, Walen, Delfinen, Gazellen… selbst bei hochentwickelten Affenarten, die den Menschen am nächsten sind, ist Homosexualität an der Tagesordnung. Statistisch gesehen ist jeder fünfte Pinguin homosexuell – und nichtdestotrotz ein wichtiges, wertvolles Mitglied seiner Gemeinschaft.

Das einzige, was im Tierreich unnatürlich ist, ist Homopobie.

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Ein bisschen Geschichte

In der Antike war Homosexualität kein tabuisiertes Thema. Vasenmalereien und Skulpturen zeigten Lesben und Schwule beim Liebesakt, ebenso wie Mosaikbilder in Thermen und Villen gut situierter Bürger. Die Griechen praktizierten Sex hetero und homo, beides zählte zur Normalität. Auch später gehörte es für römische Kaiser dazu, sich sogenannte „Lustknaben“ bei Hofe zu halten, und selbst Kleopatra soll sich mit ihren Dienerinnen gern und häufig vergnügt haben.

Doch mit der Stigmatisierung der Sexualität durch die Kirche begannen die Menschen, Liebe unter Geschlechtsgenossen als schwere Sünde zu begreifen. Schwule wurden verfolgt, gefoltert und hingerichtet.

Erst 1968 wurde Homosexualität in Deutschland teilweise legalisiert und 1994 schließlich vollständig aus dem Straftatenregister gestrichen. Lesbische Frauen hatten insofern Glück, dass sie nicht wirklich ernstgenommen wurden. Man ging davon aus, dass ohne das Vorhandensein eines männlichen Geschlechtsteils soweiso keine sexuellen Handlungen möglich seien. Daher waren die wirklich Leidtragenden der Verfolgung hauptsächlich Männer.

Selbst heute gehen nicht alle Länder das Thema so vergleichsweise entspannt an wie Deutschland. Ein Überblick zeigt, wo Schwulen langjährige Gefängnisstrafen drohen. In manchen Staaten steht auf Homosexualität sogar die Todesstrafe.

Die Sache mit den Kindern

Ein von Gegnern der Homoehe gern vorgeschobenes Argument ist die Annahme, dass gleichgeschlechtliche Paare das Wohl von Kindern gefährden könnten. Darum soll ihnen das Adoptionsrecht abgesprochen werden. Schließlich sei nur die Verbindung zwischen Mann und Frau dafür geschaffen, Kinder hervorzubringen.

Mal ehrlich, Leute. Kinder machen zu können ist laut der Biologie eine Sache von Mann und Frau, ja. Das beinhaltet aber nicht das Recht, wahl- und verantwortungslos welche in die Welt zu setzen. Was glauben die Homogegner denn, welche Kinder zur Adoption freigegeben werden? Solche, die Mann und Frau zwar gezeugt, aber ausgestoßen oder schlecht behandelt haben. Kein Kind ist im Heim, weil es da so schön ist, sondern weil seine leiblichen Eltern aus verschiedenen Gründen nicht mehr für es sorgen können. Ein Ehemann und Familienvater, der seine Kinder schlägt, stellt eine deutlich größere Gefahr für deren Wohlergehen dar, als ein Mann, der Männer küsst. 40% der Eltern wenden setzen bei der Erziehung noch heute körperliche Züchtigung an und kein konservativ christlicher Hahn kräht danach.

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Wenn jetzt aber ein gleichgeschlechtliches Paar kommt und ein Kind adoptieren möchte, weil es sich eines wünscht (ein Wunschkind also), stehen die Verfechter verstaubter Rollenideale auf und rufen: Nein, das ist unnatürlich! — Obwohl, wie wir wissen, Adoptionen durch homosexuelle Pärchen selbst im Tierreich artenübergreifend vorkommen.

Meint ihr, ein Kind verkraftet es besser, wenn es von seinen leiblichen Eltern schlecht behandelt wird – oder keine mehr hat – als von Menschen aufgenommen zu werden, die sich dafür entschieden haben, es zu umsorgen?

Die Natur macht vor, wie es sein kann. Der Storch geht nicht hin und verklickert seinen schwulen Artgenossen, dass sie das Ei doch bitte schön in Ruhe lassen sollen, anstatt sich darum zu kümmern.

Die Illusion der „echten“ Männlichkeit

Frauen, die Frauen lieben, werden belächelt. Aber gleichgeschlechtlich liebende Männer, „das sind keine richtigen Männer“, sagt der Durchschnittsdeutsche und schaut sich beifallheischend in seiner Stammkneipe um. Wieso eigentlich?

Der Grund, dass heute noch viele Männer wie Angstbeißer reagieren, wenn das Thema aufkommt, liegt an der krankhaft verherrlichten Definition von Männlichkeit. „Männlich“ zu sein heißt, hart zu sein, keine Schwäche zu zeigen, dominant zu sein, sowohl in der Arbeitswelt, als auch in Partnerschaften. „Männlich“ ist, sich im Konkurrenzkampf um die Damenwelt zu behaupten.

Wenn aber einer daherkommt, der an der Siegertrophäe Frau überhaupt nicht interessiert ist und sich auch sonst der landläufigen Definition von Männlichkeit widersetzt, dann bekommt es das Selbstwertgefühl der „echten“ Hetero-Männer mit der Angst zu tun. Anstatt in den Kampf einzusteigen und alle um sich herum dominieren zu wollen, liebt der Schwule die, die doch eigentlich seine Konkurrenten sein sollten… und was gibt es Unmännlicheres als Liebe?

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Die Vorstellung einer lesbischen Beziehung unter Frauen widerstrebt vielen nicht halb so sehr wie eine Partnerschaft zwischen Männern. Im Gegenteil – überzeugte Heteros beglücken sich nach Feierabend auch gern mal mit Lesbenpornos.

Fazit: Die vermeintliche Unnatürlichkeit von Homosexualität ist ein vorgeschobenes Argument, um die traditionelle Verteilung der Geschlechterrollen nicht überdenken zu müssen.

Charakter zeigt sich am toleranten Umgang mit Menschen, die mit ihrem Lebensstil von der Norm abweichen. Und gute Eltern beurteilt man nicht nach dem Geschlecht, zu dem sie sich hingezogen fühlen, sondern am besten nach der Liebe, die sie ihren Kindern zuteil werden lassen.

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