Worin besteht wirkliche Freiheit?

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Freiheit und Sicherheit sind Stiefschwestern. Sie konkurrieren um die Gunst der Eltern. Einander fremd und ständig im Konflikt, kommen sie dennoch nicht voneinander los. Was verkörpern sie? Muss man die eine verstoßen, um die andere für sich gewinnen zu können? Oder bauen gar beide aufeinander auf?

Die politische Bedeutung von Freiheit

2007 schuf die CDU ein neues Grundsatzprogramm: Freiheit und Sicherheit. Grundsätze für Deutschland.
Darin steht unter Anderem:
„Der Mensch ist frei geschaffen. Die Freiheit des anderen bedingt und begrenzt die eigene Freiheit. Es ist Aufgabe der Politik, den Menschen den notwendigen Freiheitsraum zu sichern und sie für das Gemeinwesen in die Pflicht zu nehmen.“
Darauf beruhe das Prinzip der Solidarität.
Im Klartext heißt das, dass der Staat die Freiheit des Einzelnen einschränkt, um Sicherheit für alle gewährleisten zu können. Er gesteht jedem Bürger einen „Freiheitsraum“ zu, welcher sich im Rahmen der bestehenden Gesetze bewegt. Wer das Gesetz bricht, gefährdet de facto die Freiheit anderer.
Weiterhin steht im Programm der aktuell regierungsbildenden Partei:
„Freie, selbstbewusste Persönlichkeiten bilden die Chancengesellschaft und ermöglichen zugleich deren inneren Zusammenhalt. [Die Chancengesellschaft] ermöglicht Freiheit und Sicherheit in unserem Land.“
Chancengesellschaft bedeutet, dass jeder die gleichen Voraussetzungen erhalten soll, um sich nach seinen individuellen Fähigkeiten zu entwickeln.
Klingt gut, gefällt mir. Sieht in der Theorie auf dem Papier aber schöner aus, als es praktisch umgesetzt wurde.

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Für den Vater der Rechtsphilosophie, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, kann Freiheit nur dann existieren, wenn jedes Individuum einer Gesellschaft die Freiheit des anderen als Voraussetzung für die eigene begreift. Beispiel: Eine Regierung, die Homosexualität unter Strafe stellt, begrenzt damit zwar nicht die Rechte der heterosexuellen Bevölkerung, ABER sie nimmt jedem Einzelnen die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Neigung er im Moment ausleben möchte. Eine solche Regelung geht zudem mit zwanghaften Rollenmustern einher, denen alle (insbesondere Männer) sich zu fügen haben, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, als schwul, unmännlich, unnormal zu gelten.

Zusammengefasst bezeichnet Freiheit das Recht auf eine eigenverantwortliche, selbstständige Entwicklung, zu der jeder die gleichen, bestmöglichen Voraussetzungen erhalten soll. Um dem Allgemeinwohl dienen zu können, wird sie durch ein moralisch vertretbares Gesetz begrenzt.

Die philosophische Bedeutung von Freiheit

Hier wird es schon deutlich kniffliger.

„Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden.“
Abraham Lincoln

Wir wollen dennoch versuchen, eine mögliche Definition zu finden.
Orientieren wir uns hierfür an Jean-Jacques Rousseau, der auf die Bedeutung des Freiheitsbegriffes in unserer heutigen Gesellschaft Einfluss genommen hat wie kein Anderer.
Seiner Meinung nach ist die Freiheit der eigentliche Grundzustand eines jeden Menschen. Sie ist ein natürliches Grundrecht, über das man frei verfügen kann und auf das andere keinen Einfluss nehmen dürfen. Um eine Regierung zu legitimieren, die im Sinne des Volkes herrscht, kann man aber einen Teil dieser Freiheit abgeben, um ein sicheres, ordnungsgemäßes Miteinander zu ermöglichen.
(Diese Idee ist die Grundlage der Demokratie.)

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Wirkliche Freiheit ist aber nur dann gewährleistet, wenn der Einzelne in Unabhängigkeit lebt. Er darf weder vom Staat, noch von irgendeiner anderen Institution abhängig sein. Sollte die Regierung ihre Macht missbrauchen oder den überwiegenden Interessen der Gemeinschaft nicht mehr dienen, so sei es laut Rousseau das Recht des Volkes, diese Regierung zu ersetzen.

Das Einzige, was über der individuellen Freiheit stehen dürfe, seien die gemeinschaftlichen Ethik- und Moralvorstellungen, denen zugunsten man sich in eine sog. bürgerliche Freiheit füge. Das einzige, was darüber stehen dürfe, sei die Aufrechterhaltung des Allgemeinwohls. Nach der Devise: Einer für alle und alle für einen.

Frei zu sein bedeutet, selbst entscheiden zu können, sich in eine Gemeinschaft einzufügen oder es zu lassen. In letzterem Fall wäre man auf sich allein gestellt, hätte also weniger Sicherheit zu genießen, besäße aber 100% der eigenen, natürlichen Freiheit.
Nun bewegen wir uns unweigerlich in Richtung Anarchie. Eine Gesellschaft, in der keine verpflichtenden Gesetze gelten und in der niemand den anderen dominiert.
Ausgehend von Rousseau heißt das: Es gibt keine Regierung, der man im allgemeinen Interesse einen Teil seiner Freiheit opfern muss. Man wird frei geboren und bleibt es bis zu seinem Lebensende.

Viele begreifen Anarchie als den Urzustand des Chaos, in dem jeder jeden bekämpft, weil es keine moralischen Grundsätze mehr gibt. Anhänger dieser Gesellschaftsform argumentieren aber: Würde jeder die natürliche Freiheit des anderen respektieren und unangetastet lassen, wäre es möglich, in einer anarchistischem Gesellschaft zu leben. Anderen Schaden zuzufügen, nur weil es kein Gesetz verbietet, widerspricht dem eigentlichen Grundprinzip, denn es würde die Freiheit des Beschädigten verletzen.

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Die Suche nach Sicherheit

Die Demokratie, die wir Deutschen genießen, entspricht zwar in vielen Zügen Rousseaus Idee. Jedoch lässt sie die Bedeutung der persönlichen Freiheit außer Acht. Keiner wird gefragt, ob er die rechtliche Form der Gesellschaft für sich anerkennen möchte. Es wird einfach vorausgesetzt, dass jeder mit den geltenden Bräuchen seines Geburtsortes einverstanden ist.
(Wer sich dagegen entscheiden würde, müsste in der Konsequenz natürlich auf sämtliche angenehme Seiten der geregelten Gesellschaft verzichten. Gesundheitsvorsorge und soziale Absicherung zum Beispiel. Und, einmal ausgegliedert, müsste er das Bestehen dieser Gemeinschaft durch Freiwilligkeit ebenso anerkennen, wie diese seinen Wunsch respektieren sollte, ihr nicht anzugehören.)

Das enorme Sicherheitsbedürfnis unserer Nation führt aber dazu, dass wir die üblichen Verhältnisse nicht hinterfragen. Der Staat sorgt für unsere Sicherheit, was bedeutet: Er schützt uns per Gesetz vor physischer und psychischer Gewalt, vor Terror und sozialer Ungerechtigkeit. Im Gegenzug schuften wir fleißig für das Bruttosozialprodukt.

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Wir fügen uns den Pflichten, die man uns auferlegt und leben mit den Rechten, die man uns zugesteht. Dabei akzeptieren wir die Autorität derer, die eigentlich unseren moralischen Interessen dienen und damit unsere persönliche Freiheit schützen sollen: die Volksvertreter. Leider ermöglichen wir ihnen einen Missbrauch ihrer Position, indem wir unser eigenes Bedürfnis nach Sicherheit falsch umzusetzen versuchen. Schließlich ist Wirtschaftswachstum nicht gleich Wohlstand für alle.

Die kapitalistische Vorstellung davon, wie man soziale Ungerechtigkeit ausgleicht, heißt: wer arm ist, soll mehr arbeiten. Dass das nicht funktionier, spüren Geringverdiener am eigenen Leib. Wir versuchen, uns mit Geld beides zu kaufen, Freiheit und Sicherheit. Dieser Versuch misslingt, weil wir uns eben dadurch in eine Abhängigkeit begeben. Das widerspricht einerseits grundlegend jeder Definition von Freiheit und andererseits ist das Geldsystem nicht gemacht, um für Sicherheit zu sorgen – doch das ist ein anderes Thema.

Mein Fazit

Viele sind unzufrieden oder halten die Regierung für unfähig. Der Logikfehler: Die Regierung wird durch das Volk legitimiert. Und das ist zu sehr auf den Kreislauf von Geld verdienen und ausgeben, Sicherheit wollen, Freiheit suchen, nichts davon bekommen und es weiter versuchen, gefangen, um konstruktiv und sinnvoll aufzubegehren.

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Jemand, der erzkonservativen oder gar ausländerfeindlichen Parteien seine Stimme schenkt, der sollte nicht von Freiheit und Selbstbestimmung reden, denn er will sie allenfalls für sich allein beanspruchen. Der nimmt, um seine Interessen durchzusetzen, in Kauf, dass andere Gruppierungen dafür Ungerechtigkeit hinnehmen müssen.

„Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“
Benjamin Franklin

Die gute Nachricht: Die größte Verantwortung trägst Du für Dich selbst.
Die schlechte Nachricht: Die größte Verantwortung trägst Du für Dich selbst. Und obwohl sie so groß und wichtig ist, wird sie flächendeckend unterschätzt.

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