Bist Du auch krank im Kopf?

Posted on

Wie normal ist normal?

Gesundheit des Geistes zu definieren ist doch überflüssig. Immerhin weiß man, wie man den Kranken vom Gesunden unterscheidet. Oder? ODER?

Psychiche Gesundheit ist ein „Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen.“, wird die Weltgesundheitsorganisation WHO gern zitiert. (Quelle: Public Health Forum 22 Heft 82 (2014))

 

Mit anderen Worten: Du bist gesund, solange Du gut funktionierst. Solange Du Deine Funktion als kleines, präzise arbeitendes Rädchen im Uhrwerk der Gesellschaft erfüllst.

WHO kann schließlich nicht die halbe Weltbevölkerung zu Psychopathen erklären.

Eine andere Definition:

„Dem Psychoanalytiker Sigmund Freud zufolge kann der Gesunde problemlos arbeiten und lieben, er ist arbeitsfähig ohne Konzentrationsstörungen, und er ist liebesfähig, beides selbstverständlich zugleich, er kann also vital arbeiten und vital lieben, in beiden Bereichen fühlt er sich in keiner Weise gehemmt oder eingeschränkt.“

(Quelle: Peter Lauster, Die Liebe, Rowohlt Verlag (1982))

Was bedeutet es, wenn wir die Fähigkeit zu Lieben als Indikator für psychische Gesundheit festlegen?

Wie viele Menschen kennst Du, die gern auf Arbeit gehen? Die mit sich selbst zufrieden sind? Die in der Lage sind, harmonische Partnerschaften auf der Grundlage tiefer, ehrlicher Liebe zu führen? Und die anderen wiederum aus tiefstem Herzen dasselbe gönnen?

Ich kenne einige wenige Personen, die danach streben, diesen Zustand herzustellen oder auf die es bereits zutrifft. Viele finden sie komisch.

Wie krank macht Armut?

Wenn ich nicht krank bin, bin ich gesund. So einfach ist das – eben nicht.

Denn wie selbst WHO richtig erkannt hat, ist Gesundheit nicht nur das Fehlen von Krankheit. Es gehört viel mehr dazu, was in allgemeinen Definitionen oft unter „Wohbefinden“ zusammengefasst wird.

Betrachtet werden dabei außerdem das soziale Umfeld und der wirtschaftliche Wohlstand.

Wie wohl fühlen sich Menschen, die in einer zerrütteten Gesellschaft leben? In Slums, Kriegsgebieten oder in extremer Armut? Es kann niemanden glücklich machen, jeden Tag aufs Neue ums nackte Überleben kämpfen zu müssen.

Der World Happiness Report zeigt, welchen Einfluss die Lebensqualität auf das subjektive Wohlbefinden hat. Die Statistik sagt: Je höher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und die soziale Sicherheit, desto glücklicher sind die Einwohner des jeweiligen Landes. Aber auch die Gesundheit, die Großzügigkeit (interessant, oder?) und die persönliche Entscheidungsfreiheit sind wichtige Voraussetzungen für eine anständige Lebensqualität.

Die ersten beiden Plätze im Glückseligkeitsranking belegten 2017 Norwegen und Dänemark, während Deutschland auf Rang 16 (von insgesamt 155) landet.

2018 schaff Finnland es auf Platz 1, Norwegen löst Dänemark auf Platz 2 ab. Deutschland steigert sich zu Rang 15.

Wesentlich weniger Happiness gibt es in Afrika, das in vielen Ländern von politischen Unruhen, Armut und Krankheit gezeichnet ist.

Auch in den nahöstlichen Gebieten, wo Bildung, Demokratie und persönliche Freiheit seltenen Luxus darstellen, kommt wenig Lebensfreude auf. Syrien belegt Platz 152. Und manche verstehen immer noch nicht, warum Migranten in Europa ein erfüllteres Leben suchen.

Der Durchschnitt ist keine Maßeinheit

Würde jemand auf die Idee kommen, Krieg als normal zu empfinden?

Die traurige Antwort ist: Ja.

Wo Krieg über die Jahre zum Alltag geworden ist, ist es eine Überlebensstrategie, ihn als Istzustand zu akzeptieren, denn keines der Kinder, dessen Eltern verschleppt wurden, und keine Mutter, die ihre Kinder verloren hat, kann an den politischen Zusammenhängen wirklich etwas ändern. Die Menschen müssen sich grausamerweise damit arrangieren. Oder fliehen.

Wir in Europa haben deutlich einfachere Lebensbedingungen. Und doch sind die wenigsten „Wohlstandseuropäer“ tatsächlich gesund, weder psychisch noch körperlich. Sie sind nur gesünder als anderswo auf der Welt. So gesund, wie der gute Durchschnitt. Und der wird mit der Zeit als Norm anerkannt. Verglichen mit den Menschen in Entwicklungsländern und Krieggebieten geht es uns blendend. Verglichen mit einem Kind, das täglich in einer Fabrik schuften muss, um seine Familie mitzuernähren, leben unsere Kinder in königlichen Verhältnissen. Dennoch befreit das unsere Gesellschaft nicht von ihrer Kritikwürdigkeit.

Die Schwierigkeit, zu lieben

Liebe kann man nicht kaufen. Nur spüren.

Darum ist Wohlstand keine Garantie für psychische Gesundheit, jedenfalls wenn man von Sigmund Freuds Definition ausgehen möchte.

Weil auch Liebe Definitionssache ist, versuchen wir den Gott diesmal beim Namen zu nennen und wagen uns an eine Deutung: Das tödlichste für die Liebe, die wir meinen, ist das „Weil“. Du liebst Dich nicht, weil Deine große Zehe perfekt geraten ist. Du liebst Dich nicht, weil Dein/e Freund/in Dir jeden Tag erzählt, wie toll Du bist. Und, auch wenn die Welt es Dir suggeriert, Du liebst Dich auch nicht für Deine beruflichen Leistungen und den teuren Sportwagen, den Du (vielleicht) fährst. Du liebst, indem Du jedes „Weil“ vermeidest.

Auch Dankbarkeit ist eine Form von liebevoller Zuwendung, an andere, das Universum und an Dich selbst.

Sei dankbar, dass Du in Frieden leben darfst, sauberes Wasser und eine Toilette hast. Das macht Dich reicher, als 768 Millionen andere Menschen auf dieser Erde es sind.

Sei dankbar, dass Müllmänner dich regelmäßig von den Überresten deiner Haushaltswaren befreien, sodass Du nicht darin ersticken musst.

Sei dankbar, dass die Topfpflanze auf Deinem Fensterbrett Sauerstoff produziert, damit Du weiter atmen kannst. Das tut sie nicht, weil Du den Sauerstoff brauchst. In Wahrheit ist es der Topfpflanze nämlich egal. Sie tut, wofür sie gemacht ist und was sie am besten kann. Wenn Du es schaffst, sie dafür zu lieben, dann wird es Dir auch leichter fallen, die Menschen zu lieben, ohne Bestätigung von ihnen zu verlangen.

Dann wirst Du in Zukunft Müllmänner, Toiletten und Pflanzen mehr zu schätzen wissen. Sicher fallen Dir auf Anhieb noch mehr Dinge ein, die Dein Leben und Dich liebenswert machen.

Zu lieben ohne zurückzufordern – das ist die Grundvoraussetzung für anhaltende Zufriedenheit und nachhaltige (psychische) Gesundheit.

Fazit

Unsere moderne Gemeinschaft krankt daran, dass sie den Fokus zu sehr auf die Arbeit lenkt, auf die Leistungsfähigkeit des Individuums und auf seinen Marktwert, anstatt auf seinen persönlichen Wert. Wir verzehren uns nach einer Perfektion, die schon lange aufgehört hat, eine zu sein.

Würde jeder lieben, was er tut, dann gäbe es den Begriff „Arbeit“ nicht mehr. Dann hieße es „Berufung“ und niemand müsste sich zwingen, Montag Morgen aufzustehen. Dann wüssten wir es zu schätzen, dass wir überhaupt aufstehen können, ohne uns Gedanken darüber zu machen, ob demnächst eine Splitterbombe durchs Fenster geflogen kommt.

Wären wir fähig, einander zu respektieren und den Frieden zu lieben, hätte die Welt ein Problem weniger.

Gesundheit ist nicht Arbeitswille. Gesundheit ist Lebenswille.

 

One Reply to “Bist Du auch krank im Kopf?”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.